Vermaisung lässt Nitratwerte im Grundwasser ansteigen - Wann reagiert die Landesregierung zum Schutz von Mensch und Natur?

Anfrage der Abgeordneten Wiard Siebels, Renate Geuter und Dieter Möhrmann (SPD) vom April 2011

Mit Antwort der Landesregierung

In ihrer Ausgabe vom 26. März 2011 berichtet die Ostfriesen-Zeitung über erhöhte Nitratbelastungen. Auch die Ostfriesischen Nachrichten titelten in ihrer Ausgabe vom 1. April 2011 „Wasser in Ostfriesland wird schlechter“. Der Oldenburg-Ostfriesische-Wasserverband (OOWV) zeigt sich besorgt über diesen starken Anstieg von Nitratwerten im Grundwasser im Bereich des Wasserschutzgebietes in Aurich. Der OOWV bezieht sich bei dieser Aussage auf konkrete Messergebnisse, wo-nach der Nitratwert an einer Messstelle von 80 mg pro Liter auf 270 mg gestiegen sei. Insbesondere an 14 von 118 Messstellen in den Grundwasserschutzgebieten sind die Werte nach oben ausgerissen. Nach Einschätzungen des OOWV gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Biogasnutzung und Grundwasserbelastung. Der Mais, der für die Anlage eingesetzt wird, brauche sehr viel Dünger, und durch das Ausbringen großer Mengen Gülle und Gärreste sei vermehrt Nitrat ins Grundwasser gelangt. Die gleichen Probleme wurden auch in Thülsfeld (Kreis Cloppenburg) und Großenkneten festgestellt. Das Thema wurde bereits in verschiedenen Anfragen durch die Landesregierung beantwortet. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation wurden nicht benannt. Es wurde lediglich auf eine Änderung des EEG verwiesen, die Minister Sander als die Lösung der Belastung ansieht.

Wir fragen die Landesregierung:

1. Teilt die Landesregierung die Auffassung des OOWV bezüglich der Messerergebnisse in Ostfriesland? Wenn ja, welche Maßnahmen wird die Landesregierung diesbezüglich ergreifen, bzw. welche Maßnahmen hat die Landesregierung bereits ergriffen?

2. Welche weiteren Regionen in Niedersachsen sind auch von erhöhten Messwerten betroffen?

3. Ist diese Erhöhung der Nitratwerte auch aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft ent-standen, und bedeutet eine Intensivierung der Landwirtschaft in Zukunft eine permanente Ver-schlechterung der Trinkwasserqualität in Ostfriesland und den betroffenen Regionen?

 

Antwort der Landesregierung

Vorbemerkungen:

Über die Belastung niedersächsischer Gewässer mit Stickstoffverbindungen fand am 7. März 2011 eine Unterrichtung des Ausschusses für Umwelt und Klimaschutz (AfUuK) durch Vertreter der Landesregierung statt. Im Rahmen dieser Unterrichtung wurde erläutert, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser in ausreichender Menge und Qualität langfristig sichergestellt ist, und dass aufgrund der Anforderungen der Trinkwasserrichtlinie eine Gefährdung ausgeschlossen ist.

Im Jahr 2009 hat es keine zugelassenen Abweichungen vom Nitratgrenzwert für Trinkwasser gegeben. Somit wurde den Verbrauchern in Niedersachsen nur Wasser mit einer Nitratkonzentration unterhalb des Grenzwertes von 50 mg/l und damit in einwandfreier Qualität zur Verfügung gestellt. Im Mittel liegt in Niedersachsen die Konzentration von Nitrat im Trinkwasser bei 10,5 mg/l.

Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Kleine Anfrage namens der Landesregierung wie folgt:

Zu 1: Der Landesregierung sind die Messergebnisse des OOWV in oberflächennahen Grundwassermessstellen in den Wassergewinnungsgebieten Thülsfelde, Aurich und Großenkneten bekannt. Bei den genannten Ergebnissen handelt es sich um solche aus Messungen an oberflächennahen Messstellen, also aus Grundwasserschichten bis 15 Meter Tiefe.

Der OOWV sieht die Ursache für den Anstieg des Nitratgehaltes in einigen flachen Messstellen im steigenden Aufkommen an organischen Nährstoffen aufgrund erhöhten Maisanteils in Verbindung mit dem Gärresteaufkommen aus Biogasanlagen. Tatsächlich ist der Maisanteil im Wasserschutzgebiet Thülsfelde zwischen den Jahren 2000 und 2010 um ca. 50% gestiegen, im Wasserschutzgebiet Großenkneten um ca. 30%. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem erhöhten Maisanteil als Folge des Biogasanlagenbaus und dem Anstieg des Nitratgehaltes in den oberflächennahen Messstellen der Wasserschutzgebiete ist jedoch nicht eindeutig belegbar. Richtig ist, dass aufgrund des Stickstoffkreislaufes bei der Nutzung von Biomasse zur Gaserzeugung ein höherer Anteil an Stickstoff im System verbleibt als bei anderen Nutzungen wie zum Beispiel der Nahrungsmittelerzeugung. Ca. 50% des Stickstoffs werden in Form von Gärresten wieder der landwirtschaftlichen Nutzfläche zugeführt. Es ist jedoch grundsätzlich zu unterstellen, dass der Anbau nachwachsender Rohstoffe unter Einhaltung der Regeln der guten fachlichen Praxis erfolgt. Dies schließt insbesondere eine pflanzenbedarfsgerechte Düngung ein.

Zum besonderen Schutz des Trinkwassers, dem die Landesregierung einen hohen Stellenwert zumisst, werden in den Wasserschutzgebietsverordnungen die ordnungsrechtlichen Nutzungsbeschränkungen innerhalb der Schutzgebiete geregelt. Daneben werden seit ca. 20 Jahren darüber hinaus gehende freiwillige Maßnahmen in Kooperation mit der Landwirtschaft umgesetzt, die den Nährstoffeintrag in das Grundwasser in den Wasserschutzgebieten verringern. Beispiele für Nutzungsbeschränkungen aus den Verordnungen sind das Verbot von Grünlandumbruch und das Verbot für das Aufbringen von Gülle und Jauche, jeweils geltend für die engeren Wasserschutzgebietszonen. Freiwillige Maßnahmen im gesamten Schutzgebiet sind vielfach auf ganzjährige Begrünung oder Grundwasser schonende Bodenbearbeitung ausgerichtet. Landesweit führen die freiwilligen Vereinbarungen und die Maßnahmen des Niedersächsischen Agrarumweltprogramms nach aktuellen Berechnungen zu einer Reduzierung der Bilanzüberschüsse auf landwirtschaftlich genutzten Flächen in Trinkwassergewinnungsgebieten um ca. 4.300 Tonnen Stickstoff pro Jahr. Aktuell sind z. B. für die Wasserwerke Aurich und Thülsfelde Nitratgehalte von < 1 mg/l im Wasser ab Werk festgestellt worden, für das Wasserwerk Großenkneten 7,7 mg Nitrat / l. Eine aktuelle Gefährdung von Menschen ist somit nicht zu besorgen.

Neben diesen speziellen Trinkwasserschutzmaßnahmen werden seit 2010 zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie in einer hierfür eingerichteten Zielkulisse Agrarumweltmaßnahmen und eine unterstützende Beratung zur Grundwasser schonenden Landbewirtschaftung angeboten.

Zu 2: Eine Überschreitung der Grenzwerte durch überhöhte Messwerte wurde in Niedersachsen an ca. 200 von insgesamt 1.051 Messstellen des Messnetzes nach EG-Wasserrahmenrichtlinie festgestellt. Auf dieser Grundlage wurde die Bewertung des niedersächsischen Grundwassers vorgenommen. Im Rahmen der o. g. Unterrichtung am 7. März 2011 ist der AfUuK auch hierüber umfassend unterrichtet worden.

Eine erste landesweite Analyse der Entwicklung der Nitratgehalte in den letzten Jahren hat keine klare Tendenz erkennen lassen. Lokal sind sowohl Messstellen mit einem Anstieg als auch mit einem Rückgang der Nitratkonzentration ermittelt worden.

Innerhalb der niedersächsischen Trinkwassergewinnungsgebiete haben sich die Nitratmesswerte im Zeitraum 2000 bis 2009 wie folgt entwickelt: Der Anteil an Grundwassermessstellen mit abnehmendem Nitratgehalt ist landesweit von 56% auf 65 % angestiegen, und die Anzahl mit ansteigendem Nitratgehalt ist entsprechend von 44% auf 35 % zurückgegangen.

Zu 3: Den unter Antwort 1 dargestellten Anstrengungen im Trinkwasserschutz können andere Entwicklungen, z. B. auf dem Agrarsektor, entgegenwirken.

Die Intensivierung der Landnutzung, die aufgrund der Marktentwicklung in den zurückliegenden Jahren in Niedersachsen zu verzeichnen war, ist mit einem verstärkten Grünlandumbruch einhergegangen. Von 2005 bis 2009 wurden ca. 56.000 ha der vorhandenen Dauergrünlandfläche in Ackerland umgewandelt (laut Antragsdaten auf Direktzahlung). Dieser Grünlandumbruch führt zu einer erhöhten Stickstoffauswaschung und somit zu einer Grundwasserbelastung. Seit dem 22. Oktober 2009 gilt für alle landwirtschaftlichen Betriebe, die EU-Direktzahlungen erhalten, ein Genehmigungsvorbehalt für den Umbruch von Dauergrünlandflächen.

Eine Intensivierung der Tierhaltung bewirkt keine direkte Erhöhung der Grundwasserbelastung. Sie führt jedoch zu einem verstärkten Anfall von Wirtschaftsdünger, der einer pflanzenbedarfsgerechten Verwendung zugeführt werden muss. Zur Sicherstellung der transparenten Verbringung von Wirtschaftsdüngern und somit auch zur Steuerung von Nährstoffflüssen werden aktuell für Niedersachsen spezifische Regelungen zur Umsetzung der bundesweiten Wirtschaftdüngerverbringungsverordnung erarbeitet.